Die Mitte Europas ist das Ende der Welt

 

Im Zug durch die westukrainischen Karpaten. An jeder Eisenbahnbrücke steht einsam ein Soldat. Er ist mittleren Alters, hat sein Gewehr geschultert, steht stramm vor den Geleisen. Sein winziges Wärterhäuschen im Rücken, blickt er unbewegt in den schwellenschlagend vorbeirollenden Zug hinein. Es ist der erste Zug seit Stunden. Der Soldat schweigt den ganzen Tag.

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Sommer 2002. Ich stehe vor einem Zeitungsstand an, in der Stadt Uschgorod, 500 Kilometer östlich von Österreich. Ein fetter Glatzkopf zieht ein Geldbündel und zählt seine Scheine. Er zählt zahlreiche ukrainische Scheine und etliche Dollarnoten herunter, hauptsächlich Fünfer. Ein junger dunkelhäutiger Mann nähert sich leise. Er hat nur eine Hand, der Hemdsärmel der linken Hand ist zugenäht. Er bittet um Geld.

Der Glatzkopf blickt kurz auf und schnauzt den Bettler auf Russisch an: „Ne nado bylo terjat ruku.“ Der Bettler zieht ohne Reaktion weiter, der Satz geht mir aber lange nicht aus dem Kopf. Er lässt sich notdürftig so übersetzen: „Das war nicht notwendig, die Hand zu verlieren.“

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Sommer 2005. An der Straße nach Rachiv verspricht eine Tafel: CONSTANT, PRECISE, ETERNAL PLACE. Im Hintergrund rauscht munter die Theiß, gelegentlich übertönt vom dunklen Gestöhne durchfahrender Sowjet-Laster und vom hellen Gekicher knipsender Touristinnen. In englischer, ukrainischer und lateinischer Sprache steht geschrieben: THE CENTRE OF EUROPE, DETERMINED VERY PRECISELY WITH A SPECIAL APPARATUS, PRODUCED IN AUSTRIA AND HUNGARY, 1887.

Die Mitte Europas enthemmt uns. Wir fahren seit Tagen durch die Dörfer Transkarpatiens, in meditativer Konzentration auf Schlaglöcher, dösende Köter, volltrunkene Radfahrer und träge Hühner. Wir fahren im Tempo der Kühe, die unseren Wagen gleichmütig eingemeinden. Unser Kreislauf ist heruntergefahren.

Die Dörfler der Waldkarpaten sind still und furchtlos. Auf den Dorfstraßen weicht uns niemand aus. Nicht die Kinder, die auf klapprigen Erwachsenenrädern herumkurven, nicht die Fußgänger, die ungerührt auf der Fahrbahn gehen, nicht das freilaufende Getier. Die Alten sitzen vor den bunt gestrichenen Zäunen ihrer Holzhäuser. Sie sehen uns an, sie bleiben ungerührt, sie drehen nicht den Kopf nach uns.

Und nun, in der präzis determinierten Mitte Europas, unweit einer von europäischen Fahnen umwehten Jausenstation, fallen die Hemmungen. Zuvor ist es uns nicht gelungen, über die Theiß nach Rumänien zu kommen, die einzige Straßenbrücke war auf Jahre gesperrt.

Wir ersinnen eine alternative Spielart, rumänische Erde zu berühren: Wir werfen Steine ans andere Ufer der Theiß. Das erfordert Kraft und Geschick, fast alle Steine fallen ins Wasser. Die Kindlichkeit unserer Begeisterung steckt ukrainische Ausflügler an, Jungpapas beweisen ihren Sprösslingen Sportsgeist. Jeder drüben gelandete Stein löst Jubel aus, vielstimmigen, wortlos gejohlten, vielsprachigen Jubel.

Am nächsten Tag müssen wir uns eingestehen, dass die ewig-konstante Präzision unserer geographischen Expertise hinter k.u.k. Spezialapparaturen zurücksteht. Wir haben die Karte falsch gelesen, die Theiß bildet erst weiter flussabwärts die Grenze. Die Steine, die wir nach Rumänien warfen, gingen in der Ukraine nieder.

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Transkarpatien ist ein Zwischenland. Es ist im Norden von Polen, im Süden von Rumänien, im Westen von Ungarn und der Slowakei begrenzt. Es ist die westlichste Region der Ukraine, der Rest der Ukraine ist ausschließlich über Gebirgspässe zu erreichen.

Transkarpatien hat im Südwesten Anteil an Pannonien. In der Ebene liegen die beiden größeren Städte, die Hauptstadt Uschgorod mit 110.000 Einwohnern und Mukatschewo mit 80.000. Das Bergland dahinter, in den sanften Gebirgszügen der Waldkarpaten, ist einer der rückständigsten Landstriche Europas.

Transkarpatien hat im 20. Jahrhundert fünf Mal die Staatsangehörigkeit gewechselt. Fünf Mal ist konservativ gerechnet, nach anderen Zählweisen ging das Land öfter in neue Hände über, sechs Mal, sieben Mal, innerhalb von 73 Jahren.

Das Ländchen, das im Ukrainischen „Sakarpattja“ heißt, ist traditionell von einer ostslawischen Ethnie bewohnt, die man  Ruthenen, Rusinen, Rusnaken, Karpatorussen oder Karpatoukrainer nennt. Die „Marchia Ruthenorum“ geriet früh unter ungarische Herrschaft und unterstand ihr mit kurzen Unterbrechungen 800 Jahre lang.

 

Als die Habsburgermonarchie zerbrach, waren die Transkarpatier gespalten. Manche wollten eine Autonomie innerhalb Ungarns, einige wollten zu Russland. Manche sahen sich in der kurzlebigen „Westukrainischen Nationalrepublik“ aufgehoben, die amerikanischen Exil-Rusinen vereinbarten mit T.G. Masaryk eine Angliederung an die Tschechoslowakei.

Schließlich entschieden die Alliierten für den neuen westslawischen Doppelstaat, der als ökonomisch leistungsfähig galt. Als die tschechoslowakischen Delegationen sahen, wie unterentwickelt das erworbene Gebiet war, hätten sie es am liebsten wieder zurückgegeben. Es war aber zu spät, die „Podkarpatská Rus“ wurde tschechoslowakisch.

Als Hitler die Tschechoslowakei zerschlug, bekamen die Transkarpatier ihren eigenen Staat. Die zunächst autonomone „Karpato-Ukraine“ verlor die fruchtbare Ebene an Ungarn, mitsamt Uschgorod und den ausgedehnten Weingärten, in denen heute die Trauben für den Brandy „Sakarpatskij“ gedeihen.

Was zum Regieren blieb, war eine dünn besiedelte Bergprovinz ausgehungerter Holzfäller, ohne internationale Verbündete und ohne eine einzige nennenswerte Stadt. Die Verwaltung schlug ihren Sitz in Chust auf. Am 15. März 1939 erklärte Präsident Augustin Woloschyn die „Karpatska Ukraina“ für unabhängig. Noch am selben Tag marschierten Truppen des ungarischen Horthy-Regimes ein. Am 16. März wurde das Gebiet von Ungarn annektiert, am 18. März war der Widerstand gebrochen.

1945 fiel Transkarpatien an die Sowjetunion, 1991 an die unabhängige Ukraine. Die Volkszählungen des 20. Jahrhunderts bilden den fünfmaligen Wechsel der Herrschaft getreulich ab: Unter den Ungarn nahm jeweils das Bekenntnis zur ungarischen Nationalität zu, zur Zeit des Prager Regiments tummelten sich plötzlich „Tschechoslowaken“ in der Statistik, unter der Sowjetmacht reüssierten Russen. Heute kreuzen 80 Prozent der 1.200.000 Transkarpatier die ukrainische Nationalität an. Die eingesessenen Rusinen bleiben statistisch ungreifbar, der ukrainische Staat erkennt diese Volksgruppe nicht an.


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Winter 07/08. Vom Zentrum Uschgorods an den Stadtrand, einen langgezogenen Hügel hinauf. Zur Stadtgrenze, gleichzeitig Staatsgrenze, gleichzeitig Schengengrenze, gleichzeitig Außengrenze der Europäischen Union. Ein Kilometer stehender LKWs, ein halber Kilometer stehender PKWs.

Stunden im stehenden Autobus. Ich komme in der Nähe einer dürren dunkelhaarigen Alten zu sitzen, die einen halbvollen Rucksack und eine Tasche mit Lebensmitteln dabei hat. Sie ist Ukrainerin und will wie ich in die Slowakei. Ohne Einleitung beginnt sie auf ihren abwesenden Mann zu schimpfen.

„Er ist wahnsinnig geworden.“
„Wieso? Was macht er?“
„Er ist vor ein paar Jahren draufgekommen, dass ein Großvater von ihm angeblich Slowake war. Seitdem hat der alte Trottel unbedingt Slowake werden wollen.“
„Wie alt ist er denn?“
„Achtzig, der Wahnsinnige ist achtzig Jahre alt!“
„Und? Ist er Slowake geworden?“
„Ja, er ist jetzt Slowake. Wir leben schon seit einem halben Jahr in der Slowakei.“

Ich frage sie, ob eine solche Übersiedlung nicht teuer kommt. Sie rechnet mir alles vor. Die beiden verbrachten das ganze Leben in Uschgorod. Ihr Mann verkaufte die Stadtwohnung in Uschgorod und kaufte in einem der nächsten slowakischen Dörfer ein Haus mit Garten. Dabei blieb ihm sogar etwas übrig. Parallel sorgte er dafür, dass seine Frau die ukrainische Pension nachgeschickt bekommt, und erstritt für sich selbst eine slowakische Pension, 5000 Kronen, deutlich mehr als eine ukrainische Pension.

„Das klingt aber nicht nach Wahnsinn“, sage ich zu der Frau. „Das klingt, als könnte Ihr Mann ziemlich gut rechnen.“
„Wie bitte? Er hat vollkommen den Verstand verloren! Unser Sohn, der trinkt zwar, aber er hat sich ein schönes Haus in Peretschyn gebaut, oberhalb von Uschgorod. Ich komme gerade von dort. Als ich in den ersten Bus gestiegen bin, war es noch finster, und wenn ich nach Hause komme, wird es wieder finster sein. Und was sagt der Meinige dazu? Sind eh nur dreißig Kilometer!“

Sie schimpft weiter auf ihren Mann. Er sei kein guter Mensch, er habe sie oft betrogen. Irgendwann beginnt sie sich für mich zu interessieren:
„Und was machen Sie?“
„Ich schreibe.“
„Grundgütiger, ein Schriftsteller! Das sagt mein Mann auch von sich! Er ist aber ein schwacher Schriftsteller. Hoffentlich schreiben Sie interessanteres Zeug.“


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Ich bin in diesem Jahrzehnt sicher zwanzig Mal durch Transkarpatien gekommen. Wenn ich nicht bloß durchreise, sammle ich Völker.

Leicht sind die Ungarn auszumachen. Es gibt ihrer viele, 150.000, und sie siedeln kompakt im Flachland. In den schwer zugänglichen Bergen bei Ust-Tschorna sollen noch ein paar Deutschsprachige leben, die letzten Nachfahren salinenkundiger Oberösterreicher, von Kaiserin Maria Theresia angesiedelt. Auf dem Gebirgspass Jabluniza sah ich Huzulen. Man sagte den Huzulen gewisse Bräuche nach, außer seinem Pferd sei der Huzule niemandem treu. Die Huzulen, die ich sah, standen in Trachten vor ihren Ethno-Shops und boten Ethno-Ware an. Mein kunstvoll geschmiedetes Huzulen-Schwert ist MADE IN CHINA.

Eins geht noch, ein Volk geht noch. Um den Salzsee von Solotvyno leben Rumänen, einige Tausend, aber sie verraten sich. Überall, wo Rumänen leben, wachsen Palast-Rohbauten hoch, mehrstöckige Disney-Schlösschen mit verdrechseltem Schmiedewerk, Türmchen, Säulen und massiven Rundbogen-Fenstern. Kaum einer der Paläste ist fertig, durch die meisten fegt der Wind. Einer sagt mir, dass die pompösen Gerippe im Volksmund „Zigeuner-Paläste“ heißen. Meine ethnische Verwirrung steigt.


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Sommer 2006. Der Karpatenzug, Abfahrt in Lemberg um 15:25, Ankunft in Jasinja um 22:59. Niemand steigt aus, die Nacht ist finster, der Bahnhof nicht beleuchtet. Ich trete in die dunkle Gebirgsnacht hinaus.

Die Lichter abgedreht, steht ein weißer Geländewagen vor dem Bahnhof. Die Beifahrertür des „Lada Niva“ wird aufgeschlagen, der Fahrer sagt ein einziges Wort. Auf der letzten Silbe betont, klingt die Alpenblume unverständlich fremd: Ädälweejs. Ich habe den Hoteltransfer ins „Edelwejs“ bestellt, ich steige ein.

Bei Tageslicht reizen schiefe, löchrige, schaukelnde Hängebrücken, vor dem Edelwejs rauscht die Schwarze Theiß, das ganze Hotel ist aus Holz. Über knarrende dunkle Holzplanken gelangt man in die holzduftenden Zimmer hinauf. Die ukrainischen Touristen steigen meist auf den Almen ab, in Dutzenden heimeligen Pensionen, alle nach weiblichen Vornamen benannt. Die Karpatenluft ist frisch, ein paar Mal am Tag fällt der Strom aus.
 
Als ich wieder aus Jasinja weg will, gerate ich in die Schlingen der transkarpatischen Zeit. Jasinja hat bis heute nicht akzeptiert, dass es vor mehr als sechzig Jahren der Osteuropäischen Zeitzone zugeschlagen wurde. Als handelte es sich um eine vorübergehende Erscheinung der Mode, sprechen sie von der „Kiewer Zeit“.

Selbst die Rezeptionistin im Edelwejs gibt Uhrzeiten an, die zwei Stunden von der Rezeptionsuhr abweichen - die Sommerzeit lehnen sie gleichfalls ab. Weil sie immer von zwei Uhrzeiten sprechen, glaube ich eine Zeitlang, es gäbe zwei frühmorgendliche Expressbusse aus dem Almdorf in die Ebene hinunter. Es gibt aber nur einen.

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Sommer 2005. Eine wild blühende Wiese fällt weit ins breit mäandernde Tal ab. Zwei Dörfler lungern herum. Der eine kommt aus dem offenen Lada nicht heraus, raucht auf dem Beifahrersitz filterlose Zigaretten. Der andere will mich kennenlernen.

Der Mann mag fünfzig sein, seine Haut ist ledrig braun, und seine rudernde Ekstase lässt darauf schließen, dass er sich im Lauf des Nachmittags einen Rausch erarbeitet hat. Er trägt Retro: Turnschuhe, Anzughose und Siebziger-Sakko, darunter ein ebenfalls im Stil der Siebziger gestreifter Strickpullover. Da seine Sprache weder russisch noch ukrainisch klingt, frage ich ihn, ob er vielleicht ein Rusine ist.
 
Der Mann runzelt die Stirn, schnappt nach einer Antwort, in seinem Mund blitzen chaotisch gesetzte Goldzähne auf. Er fixiert mich und erklärt mit großem Ernst: „Ich bin ein Ukrainer.“

Ich begreife, er hält das Thema für abgehakt. Es hat keinen Zweck, ihn zu fragen, ob er die Rusinen für eine eigenständige Nation hält. Ob es ihn stört, dass der ukrainische im Gegensatz zum slowakischen Staat von dieser Nationalität nichts wissen will. Ob er überhaupt vernünftig Ukrainisch kann.

Der Ukrainer, der kein Rusine ist, sieht meine Enttäuschung und sucht mich mit einer Geschichte aufzumuntern: „Hör zu, ich habe einen Genossen, mit dem bin ich zur Schule gegangen, mit dem war ich in der Kolchose, mit dem habe ich mich dreißig Jahre lang vollkommen normal unterhalten. Nach der Unabhängigkeit sagt er mir plötzlich, dass er ein Pole ist.“

Der Mann lächelt spöttisch. „Und“, frage ich unzufrieden, „ist er denn kein Pole?“ „Ach, was weiß ich!“, versetzt der Ukrainer mit einer wegwerfenden Handbewegung, die unseren nationalen Diskurs ein für alle Mal beendet: „Bitteschön, habe ich gesagt, von mir aus! Soll er ein Pole sein!“