Energie des Atoms, Energie des Lebens
Zunächst erscheint es unwahrscheinlich, dass Energodar existiert. Selbst dem peniblen Erforscher der Landkarte bliebe dieser winzig-kompakte Siedlungspunkt verborgen, wäre da nicht das Zartblau einer weitläufigen Wasserfläche, auf deren Hintergrund ein Ortsname in schwarzen Lettern hervorsticht: ENERGODAR.
Allein der Name: eine griechisch-sowjetische Wortschöpfung, geformt aus „energija“ und „dar“, dem russischen Wort für „Gabe, Geschenk“. Wenn es sie gibt, die „energetische Perle Tauriens“, die „Energiehauptstadt der Ukraine“, die mit Abstand führende Atomstadt Europas - müssten wir nicht irgendwann von ihr gehört haben? Wäre es denn möglich, dass ein solcher Ort unbemerkt existiert?
Alle Wege nach Energodar sind Umwege. Von der Hauptstadt, den Industriezentren und den Verkehrsadern der Ukraine ist Energodar abgeschnitten, ins Abseits gedrängt durch die schiere Ausdehnung des „Kachowsker Meeres“. Dieses Meer ist eigentlich ein Stausee, der letzte Stausee der Dnjepr-Kaskade, der südliche Abschluss einer sowjetischen Pioniertat, die weite Landstriche unter Wasser setzte. Allein das Kachowsker Meer ist vier Mal so gross wie der Bodensee.
Energodar liegt am Südufer des Kachowsker Meeres, am Nordufer liegt die bedeutende Industriestadt Nikopol. An der Uferpromenade von Nikopol sieht man jeden Samstag dasselbe Ritual: Um die Mittagszeit strömen Hochzeitsgesellschaften herbei. Zuerst wird das Brautpaar fotografiert, dann zerschellt ein Wodkaglas, danach läuft die Verwandtschaft herbei, dann wird wieder fotografiert.
Als Hintergrundmotiv stehen immer zwei Varianten zur Wahl: Entweder die schwarz lackierte Kanone aus dem Grossen Vaterländischen Krieg. Oder die sechs Reaktoren von Energodar, die sich präzise gestaffelt im Dunst des gegenüberliegenden Ufers abzeichnen. „Mit den Reaktoren?“, fragt der Fotograf gehetzt, das nächste Brautpaar wartet schon. „Dawaj!“, ruft die Braut vergnügt. Weltkriegskanonen gibt es überall. Eine Kulisse von sechs Reaktoren gibt es nur hier.
Wollte man sich Energodar über den Seeweg nähern, hiesse das zwanzig Kilometer über das Kachowsker Meer rudern, zu dem kurzen Stück Sandstrand hin, welches dem unwegsam verschilften Ufer abgerungen wurde. Der goldgelbe Sand, die fix verankerten Sonnenschirme aus himmelblau gestrichenem Metall – auf dem knappen Hektar städtischen Strands kann einen tatsächlich ein maritimes, um nicht zu sagen mediterranes Gefühl beschleichen. An den schwer zugänglichen Buchten und Flussarmen der Umgebung ist das Wellenschlagen des Kachowsker Meeres gedämpft: Ein übelriechender Film, grün und zäh und klebrig, säumt das Ufer. Millionen von Schnecken nähren sich an der dicken Sauce. Energodars Männer fischen hier im Sommer wie im Winter.
Der Weg vom Strand in die Stadt führt unter einem Dutzend parallel laufender Hochspannungsleitungen hindurch. Es surrt und knackt und knistert. Energodar ist in eine unwirtliche Halbwüste gepflanzt, in einen unfruchtbaren Abschnitt der südukrainischen Steppe. Landwirtschaftliche Nutzung ist ausgeschlossen. Kleine kugelförmige Stacheln kletten sich an das Schuhwerk des Wanderers, ekelhaft juckend, unmöglich von Schuhbändern und Socken abzulösen. Erst die Sowjetmacht verfiel auf den Gedanken, auf diesem ungastlichen Gelände Menschen anzusiedeln.
Fast alle, die nach Energodar wollen, kommen von Osten, aus der glanzlosen Gebietshauptstadt Saporoschje, aus der zwei Mal täglich eine ruckelnde Stichbahn abfährt. Drei Stunden in der „Elektritschka“, vorletzte Station Energodar. Danach kommt nur noch: ein Kohlekraftwerk, das grösste Atomkraftwerk Europas und das bedeutendste Atommüll-Endlager der Ukraine. Die Ukraine, abhängig von russischem Gas, ist ein Land mit unendlich vielen Problemen. In Energodar werden sie gelöst.
„Hier entsteht die Stadt der Energetiker“, versprach zu Beginn eine Tafel im Wüstensand. Was nach 1970 im Rekordtempo hochgezogen wurde, wirkt auf den ersten Blick wie eine gewöhnliche ukrainische Provinzstadt. Es gibt ein paar breite Boulevards, in Karrees organisierte Plattenbauten, in der Mitte ein Kulturhaus namens „Zeitgenosse“. Es gibt die obligate Büste des Nationaldichters Schewtschenko, das obligate Denkmal für die Helden des Grossen Vaterländischen Kriegs. Um die Lichtkabel, die lose aus der einst durchkomponierten Flanierbeleuchtung hängen, kümmern sich die Stadtväter nicht liebevoller als anderswo. Dennoch liesse sich kaum ein Ort finden, an dem sich Glück und Elend der Atomenergie unauflöslicher offenbaren. Dass in Energodar immer noch und gerade wieder eine Utopie gelebt wird, erschliesst sich erst auf den zweiten Blick.
Einst hatte Energodar einen Zwilling, der ihm in vielerlei Hinsicht verwandt war: Beide Städte wurden 1970 gegründet, beide wuchsen rasch auf etwa 50.000 Einwohner an, beide wurden mit jungen Ingenieuren und deren Familien besiedelt. Beide Städte wurden als Trabantensiedlungen eines Atomkraftwerks angelegt, und beide sind jeweils vier Kilometer vom Atomkraftwerk entfernt.
Pripjat, Energodars nordukrainisches Gegenstück, versank nach der Katastrophe von Tschernobyl in gespenstische Ödnis. Energodar aber begann mit dem Untergang Pripjats erst so richtig aufzublühen: Das offiziell unter der Ortsbezeichnung Saporoschje geführte Atomkraftwerk kompensiert seither, was durch den Ausfall von Tschernobyl weggebrochen ist. Im Unglücksjahr 1986 erzeugten die zwei Reaktorblöcke Energodars 4,2 Prozent des ukrainischen Energiebedarfs. Nach einigen Jahren war das ukrainische Atom-Moratorium Geschichte, in Energodar ging ein Reaktor nach dem anderen ans Netz. 1996, nach der Inbetriebnahme des sechsten Reaktors, deckte der Ausstoss bereits 18,9 Prozent des ukrainischen Bedarfs. Noch einmal zehn Jahre später brachte Energodar beinahe ein Viertel dessen auf, was die Ukraine an Energie benötigt.
Energodar lebt, weil Pripjat gestorben ist. Und Energodar lebt gut. In einem Ranking, das Hunderte ukrainische Städte umfasst, nimmt Energodar bezüglich Wohlstand und Lebensqualität einen der ersten Plätze ein. Gegen den Trend einer unaufhaltsam schrumpfenden Nation bleibt Energodars Bevölkerung stabil. Am Rand der Plattenbauten entstanden „Cottages“, mehrstöckige Reihenhaus-Villen mit üppigen Balkonen. Damit die durchwegs russischsprachigen Spezialisten nicht von russischen Atomstromerzeugern abgeworben werden, zahlt das AKW von Energodar, das man hier immer nur die „Stanzija“ nennt, das Doppelte und Dreifache ukrainischer Durchschnittslöhne. Nur wer keinen „Atomschtschik“ in der Familie hat, lebt so elend wie der Rest des Landes auch.
Energodar ist vollkommen der Energie geweiht, dem Kraftwerk auf Gedeih und Verderb ergeben. Auf Hauswänden und Kreuzungen prangen riesige Sujets mit Parolen wie ENERGIE DES ATOMS, ENERGIE DES LEBENS. Die diversen Jubiläen der jeweiligen Reaktoren sind an der Stiftung von Parks, Alleen und gesellschaftlichen Einrichtungen abzulesen.
Die wechselnden Bürgermeister wollen keine Grüssauguste sein, doch können sie kaum je von den Errungenschaften ihres Wirkens berichten, ohne demütig hinzuzufügen: „Das haben wir dank der Grosszügigkeit der Stanzija erreicht.“ Wahre Autorität geniesst in Energodar nur Wjatscheslaw Tischtschenko, Generaldirektor aller sechs Reaktorblöcke und Herr über 11.000 Mitarbeiter, mehr als die Hälfte davon Hochschulabsolventen. Der kühle Patriarch ist ein inniger Liebhaber seiner Profession – einen seiner letzten Sommerurlaube hat Tischtschenko bei den Kollegen des russischen Atomkraftwerks Kola, nördlich des Polarkreises, verbracht.
Um wahrzunehmen, wie sehr Energodar für ukrainische Verhältnisse hervorsticht, braucht man den Vergleich mit anderen Provinzstädten. Während Getränke im Rest der Ukraine aus hüfthohen Durchreich-Luken geduckter Container verkauft werden, leuchtet in Energodar alle fünfzig Meter ein volltransparenter Edel-Grosskiosk, vollständig ummantelt von paradiesisch befüllten Präsentations-Kühlschränken. An diesen treu in die Steppennacht hinaus strahlenden Zufluchtsorten findet die Jugend dieser im Durchschnitt ungewöhnlich jungen Stadt die besten Spirituosen-und Bier-Kollektionen Osteuropas - und sie macht Gebrauch davon.
Eine dieser Jungen ist Aljona, zwanzig Jahre alt, schön und tanzwütig, in Energodar geboren, Kellnerin in einer der zahlreichen Bars an der Nabereschnaja-Promenade, die auch werktags lange offen halten. Nach der Matura überlegte sie, zum Studium wegzugehen, doch dann ist sie lieber geblieben: „Mit einem Hochschulabschluss würde ich in Saporoschje nicht besser leben.“
Sie sei faul, gibt Aljona zu, aber nicht zu faul zum Tanzen. Irgendein Atomschtschik, der in Aljonas Bar seinen Polterabend gefeiert hat, lädt spätnachts alle Verbliebenen zum Weiterfeiern ein, und Aljona zieht nach zwölf Stunden Tresendienst in die nächste Disco weiter. „Jetzt wirds lustig“, ruft Aljona und ordert eine Runde des teuersten Drinks, eines ex zu nehmenden brennenden Cocktails, ein Muss in Energodar.
Und dann tanzt sie ab, schlängelt sich auf der Tanzfläche um die Striptease-Stange, von dem starr sitzenden Polterer beglotzt. Nein, vor der Stanzija habe er keine Angst, sagt der Mittzwanziger bestimmt, „dort ist alles auf Euro-Standard“. Auch Aljona will von Furcht nichts wissen: „Um die Stanzija mache ich mir keine Gedanken. Eher noch bricht der alte Staudamm in Saporoschje, und dann spült uns die Flut des Stausees sowieso alle weg!“
Wo sich der „Boulevard der Energetiker“ und der „Boulevard der Erbauer“ kreuzen, treffen sich abends die jungen Leute. Die kein Geld haben, sitzen einen ganzen Sommerabend lang bei einer Flasche Bier, die anderen ziehen weiter. Über dem „Gastronom“, dem Lebensmittelladen an der Ecke, leuchtet 24 Stunden eine elektronische Anzeigentafel. Sie zeigt - wie auch in anderen Städten dieser Welt - Uhrzeit und Temperatur an. Und noch ein dritter Wert wird angegeben: die aktuelle Radioaktivität.
Kein Einheimischer nehme diese Anzeige ernst, spottet einer. „Damit wollen sie uns nur beruhigen. Es fällt doch jedem Idioten auf, dass die Anzeige immer im Bereich zwischen zehn und vierzehn Mikroröntgen pendelt. Ich würde sagen, das ist eine Zufallsschaltung.“
Der Sprecher des Informationszentrums, das die Stanzija in der Stadt unterhält, tut dergleichen als Einzelmeinung ab. Er sagt, was er sagen muss: Die Menschen von Energodar vertrauen der Stanzija, weil die Stanzija Vertrauen verdient. Die sechs Blöcke entsprechen den modernsten westlichen Sicherheitsanforderungen. Im Werk findet jedes Quartal eine Übung statt, an der alle Mitarbeiter teilnehmen. Alle vier Jahre führt die Stadt eine Übung durch.
Und wohin würde man die Bevölkerung im Fall eines Unfalls evakuieren? In das Städtchen Tokmak, antwortet der Sprecher, achtzig Kilometer südöstlich von Energodar gelegen. Und wieviele Busse stünden zur Evakuierung der 54.000 Einwohner bereit? Der Mann zögert kurz, dann antwortet er mit aufrichtigem Blick: „Dutzende.“
In dem „Gastronom“, an dessen Aussenfront rot die Mikroröntgen blinken, arbeitet die mütterliche Mittvierzigerin Natascha. Meist sitzt sie an der Kassa, zwischendurch befüllt sie die zwanzig leuchtenden Kühlschränke mit frischem Bier. Sie spricht nicht viel, sie arbeitet verlässlich, und obwohl sie häufig zum Arzt muss, erscheint sie pünktlich zur Arbeit.
Wenn sie zweimal am Tag ihre Rauchpause einlegt, steht sie fünf Minuten unter der Radioaktivitäts-Anzeige. Auf diese spricht man sie besser nicht an, denn Natascha glaubt in ihrem Leben nichts mehr. Sie stammt aus Pripjat. Sie hat in Pripjat als Verkäuferin gearbeitet, sie hat die Unglücksnacht in Pripjat verbracht. Danach musste sie vier Monate lang bei der „Liquidazia“ helfen, der grossangelegten Abdicht-Kampagne am geborstenen Reaktor, bei der etwa 800.000 „Liquidatoren“ aus allen Ecken des Sowjetreichs verstrahlt wurden.
Im September 1986 entschied die Sowjetmacht mit gnadenloser Logik, die damals frisch Verheiratete nach Energodar zu schicken - in denselben Typ Gastronom, in denselben Typ Plattenbau, in denselben Typ Stadt. Natascha hasst Energodar, den lebendigen Zwilling ihrer toten Heimatstadt, aber sie hat die Hoffnung aufgegeben, dem schmerzenden Spiegelbild Pripjats in diesem Leben noch zu entfliehen. Sie versucht es mit einem Witz: „Ich kann doch nicht aus Energodar weggehen! Mein Körper braucht seine gewohnte Strahlung.“
Von den Überlebenden der Todeszone, die man in die Atomstadt des Südens umgesiedelt hat, leben in Energodar noch etwa 1500. In dieser jungen hedonistischen Stadt, in der man kaum Alte sieht, siechen sie leise und unauffällig vor sich hin. Pripjat lebt in Energodar, und Pripjat stirbt in Energodar.
Und sollten die sechs Meiler einmal abgeschaltet werden, stirbt auch Energodar. Die Jungen gehen als Erste weg, und sobald die Renten aufgezehrt sind, holt sich die Wüste zurück, was ihr gehört. Einstweilen ist jedoch Stand der Dinge, dass die Zukunft der Atomenergie in der Ukraine gerade erst begann. Und irgendwann beginnen wir zu glauben, dass Energodar existiert.